EM 2012: Stefan Petermann

Der Schönste, der Stärkste, der Allerbeste

Alle vier Wochen trafen wir uns am Sandplatz bei der Flussbiegung; Javier, Dirk, Mathijs, Krzysztof, Harry, Giuseppe und die anderen. Ein Spiel sollte ermitteln, wer der Schönste, Klügste und Stärkste von uns sei. Dem Gewinner würde unsere kleine Welt gehören, jedenfalls für die nächsten Wochen.

Zuerst einigten wir uns auf die Mannschaften: Wie immer wollte niemand Eoin oder Vladyslav haben. Warum sie überhaupt dabei waren, wusste niemand so recht. Ein Münzwurf entschied die Seite. Dann begann der Kick.

Es dauerte eine Weile, bis sich alle zurechtgefunden hatten. Doch bald schon spielten sich Dirk und Javier in einen Rausch. Sie brillierten mit ausgeklügelten Spielzügen, hielten den Ball nie länger als eine Sekunde am Fuß und öffneten mit geschickten Laufwegen Räume. Sie hatten ein Konzept, das Ästhetik und Intelligenz vereinte. Mit offenen Mündern ließen wir sie gewähren, denn trotz aller Eleganz blieb ihnen vorerst ein Tor versagt.

Javier war über die Wochen satt geworden von seinem Erfolg. Dirk hingegen gab sich zuversichtlich, weil er glaubte, dass diesmal seine Zeit gekommen wäre. Die Zuschauer sahen das ähnlich. Sie trugen Shirts mit Dirk, Perücken mit Dirk und schwenkten Dirk-Fahnen. Selbst der Rektor hatte letztens bestätigt, dass es wieder okay wäre, auf Dirk stolz zu sein. Jeder erwartete einen fulminanten Sieg von Dirk. Eine Niederlage, so viel schien klar, war nicht vorgesehen.

Am Seitenrand tauchte der Blockwart Franz-Joseph Wagner auf. Er war ein missgünstiger, stets übel gelaunter alter Mann mit wunderlichen Ansichten. Kaum dass er Sokrates gesehen hatte, hob Wagner drohend die Faust und überschüttete ihn mit einer Flut wüster Beschimpfungen. Faul sei Sokrates, hinterhältig und verschlagen, aus dem Block sollte man ihn und seine undankbare Brut werfen. Allein schon, um es dem Blockwart zu zeigen, setzten wir Sokrates einige Mal in Szene, sodass Wagner unverrichteter Dinge abziehen musste.

Währenddessen hatte sich João von einer seiner zahlreichen Verehrerinnen einen Handspiegel reichen lassen. Kritisch überprüfte er das gezackte Muster seiner rasierten Augenbrauen. Giuseppe hingegen war zum Toraus gerannt. Hektisch sprach er ins Handy, um einige Wetteinsätze zu tätigen. Dabei entgingen ihm so einige Bälle. Krzysztof, der eigentlich ein durchschnittlicher Spieler war, hatte die letzte Woche hervorragend gespielt. Der Jubel der Masse trieb ihn zusätzlich zu erstaunlichen Höchstleistungen an.

Während Javier und Dirk das Spiel dominierten, holzte Mathijs, was das Zeug hielt. Mathijs war nicht untalentiert, aber sehr von sich selbst eingenommen. Und schließlich – es war die vorletzte Minute – senste er Petr in brutalster Weise im Strafraum um. In einer gerechten Welt hätten wir Mathijs für sein destruktives Verhalten vom Platz gestellt. Doch eines hatten wir in der letzten Woche gelernt: die Welt war nicht gerecht. Die Welt strafte jene, die interessiert waren an einem formvollendeten Spiel, jene, die in die Offensive gingen, jene, die gestalteten. Belohnt wurden die Zerstörer, die Zauderer, die Zertreter.

Folgerichtig erhielt Mathijs einen ungerechtfertigten Strafstoß. In all seiner Hybris schoss er selbst. Er legte den Ball auf den Elfmeterpunkt, nahm zwei Schritte Anlauf und zielte. Rechts, unten. Petr ahnte die Ecke. Doch das Leder flutschte zwischen seinen Händen hindurch. Fassungslos sank Javier zu Boden, wütend trat Dirk gegen eine Tonne. Harry stöhnte.

Aber so stand es nun fest: Mathijs war der Schönste, Klügste und Stärkste. Mathijs war der Allerbeste. Jedenfalls für die nächsten vier Wochen.

Stefan Petermann schreibt nicht nur über Fußball; bei asphalt & anders sind sein Debütroman Der Schlaf und das Flüstern sowie seine Erzählungen unter dem Titel Ausschau halten nach Tigern erschienen.

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