EM 2012: Stefan Petermann

Höwedes

Wenn das Spiel an dir vorbeiläuft, musst du was tun. Da kannst du nicht ewig in der Defensive bleiben. Wenn du nur verteidigst, kannst du nicht gewinnen. Die anderen stürmen, und irgendwann werden sie ein Tor schießen. Du wirst diesen einen Schritt zu spät gekommen sein, du wirst ein einziges Mal nicht hoch genug gesprungen sein, du wirst einmal nicht auf den Ball geschaut haben, sondern auf den Mann und dich dann von einem Übersteiger täuschen lassen. Dann wirst du dir nicht anders zu helfen wissen, als das Bein lang zu strecken und loszutreten. Jemand wird zu Boden gehen, die Arme theatralisch von sich gestreckt, leidend, voller Schmerz wird sich jemand auf dem Rasen kugeln, minutenlang, bis der Freistoß, der Elfmeter, die gelbe Karte gegeben ist. Draußen von den Rängen werden sie pfeifen, deine Nebenspieler werden dich zur Rede stellen, du siehst deinen Trainer hektisch gestikulieren. Du wirst ganz unten sein.

Dann musst du wissen: Du bist trotzdem noch im Spiel. Und das Spiel ist ungerecht. Das Spiel belohnt nicht die Besten. Das Spiel ist der Moment. Wie der Ball fliegt. Wie du zum Ball stehst. Wie du ihn triffst. Da entscheidet ein Zentimeter alles. Darum geht es doch. Diesen Ball wahrhaftig zu treffen. Unentschieden. 89 Minuten gespielt. Und du bist es, der das Leder mit der Hacke über die Linie zirkelt. Du weißt: Einmal zur richtigen Zeit den richtigen Laufweg zur richtigen Stelle im Spielfeld sichert dir die nächsten Jahre Millionen. Weil du deinen Körper gedreht hast. Weil du im perfekten Augenblick deinen Fuß gehoben hast. Weil du deinen Fuß im korrekten Winkel gehalten hast. Millionen die nächsten Jahre. Millionen werden dich lieben. Schon schreien sie. Außer sich. Döö-dö-dö-dö-dö-dö-döööö. Reißen die Fahnen hoch. Die Hände sowieso. Du erhaschst einen Blick auf die Geschlagenen. Sie sind in der Hocke. Mit leerem Gesicht, schlaffem Körper hocken sie, die Augen voll teerschwarzer Melancholie. Doch bevor du Mitleid empfinden könntest, wirst du schon unter den jungen Körpern deiner Mannschaft begraben.

„The Mannschaft“. Du weißt, du bist Teil eines Systems, das so viel gewaltiger ist als du allein. Du bist eine Zahl auf einem Diagramm. Du verschiebst dich entsprechend der Anweisungen. Du erfüllst dir zugeteilte Aufgaben. Du stellst dein Talent, deine Kraft, deine Erfahrung in den Dienst der Mannschaft. Doch du weißt auch: Du musst mehr sein als das System. Du musst auffallen. Verhältst du dich nur wie erwartet, bist du berechenbar. Du bist ersetzbar. Noch mal: Du musst auffallen. Du brauchst diese eine Aktion, an der sie sich noch in zehn Jahren berauschen werden. Diese eine Aktion, die es unmöglich macht, auf dich zu verzichten. Diese eine Aktion, wegen der du am nächsten Tag auf der Pressekonferenz die Fragen der Sportjournalisten beantworten darfst.

Du weißt, dafür brauchst du mehr als die mit Sorgfalt erstellten Taktikanweisungen. Die sind dir sowieso schon ins Blut gegangen. Dafür brauchst du einen Tunnelblick. Dafür musst du alles um dich herum vergessen. Vergessen, was war, was kommen wird. Was sie über dich denken, was sie über dich schreiben, was sie von dir wollen. Was sie an dir hassen. Der Hass ist immer groß. Du musst ihn vergessen.

Nur: Wie willst du das Spiel gewinnen, wenn du nicht am Spiel teilnimmst? Wenn du draußen sitzt, auf der Bank, bei den anderen Hungrigen, den anderen Unglücksseeligen? Draußen musst du deinen Status erdulden. Du darfst deinen Status nicht kritisieren, darfst nicht querschießen, darfst dich nicht der Möglichkeit berauben, aus Dankbarkeit für dein Ausharren die letzte Minute in der Nachspielzeit eingewechselt zu werden und dann diese eine Aktion zu haben, die dich im nächsten Spiel unersetzbar macht. Du musst warten, du musst zuschauen, du musst den Triumph der anderen ertragen. Sie sagen, du müsstest auf deine Chance lauern. Sie nennen es Momentum. Du weißt, du wirst kein Momentum haben. Denn du kannst das Spiel nicht gewinnen, weil du am Spiel nicht teilnimmst. Du bist Höwedes.

Stefan Petermann schreibt nicht nur über Fußball; bei asphalt & anders sind sein Debütroman Der Schlaf und das Flüstern sowie seine Erzählungen unter dem Titel Ausschau halten nach Tigern erschienen.

Tags: ,

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.