Artikel mit ‘Tissy’ getagged

Einundzwanzigstes Türchen

Dienstag, 21. Dezember 2010

Stefan Petermann: “Tissy”

So nah, als würde sie all die furchtbaren Jahre verschlingen, die waren. Als wäre die Hitze schon hier. Als würden die Flammen Papiere und Briefe entzünden, Vorhänge und Tücher, Laken und Decken. Oh Tissy. Als wärest du längst verschwunden. Als würden wir im Feuerrausch liegen, geheilt und zufrieden und endlich ohne dich. Ach Tissy. Als wäre das ein Leben.

Die Erzählungen von Stefan Petermann erscheinen im März 2011 unter dem Titel “Ausschau halten nach Tigern”.

Neunzehntes Türchen

Sonntag, 19. Dezember 2010

Stefan Petermann: “Tissy”

Es dauert, bis das Himmlische sich verliert. Bis der Duft ein Gestank wird. Deine Füllung fängt das Feuer, die Flammen lecken an deinem Gesicht, deiner Nase, deinen Klumpen. Wie wunderbar, ein Brand in unmittelbarer Nähe, ein Brand, der mein Herz erwärmt und deines zerfrisst. Die Glut greift sich deinen Schrittflicken, verwandelt den Pfützenschmutz in ein feines Flammenmeer, welches deine Knochenknopfaugen verschlingen wird. Rauch steigt empor, darin enthalten alle Krankheiten ihres Lebens. Die Bazillen und Viren verschwinden im Nebel, als hätten sie niemals Unheil angerichtet. Oh, diese vorzügliche Hitze.

Fortsetzung folgt.

Siebzehntes Türchen

Freitag, 17. Dezember 2010

Stefan Petermann: “Tissy”

Wenn ich könnte, würde ich dich mit meinen Fingern erwürgen (ja, ich habe welche, fünf Stück, an jeder Hand fünf Finger, schau sie an, meine Finger). Doch du lebst nicht, also kannst du nicht sterben. Vergessen vielleicht. Das wäre dein Tod. Um zu vergessen musst du verschwinden. Also krieche ich an diesem Nachmittag, an dem sie von Fieberträumen geschüttelt wehrlos neben dir liegt, zu ihr hinauf. Ich schleiche mich an, Zentimeter um Zentimeter kämpfe ich mich vor, und als ich bei ihr bin, bin ich bei dir. Und ich drücke dich, alle Wut und aller Neid stärkt mich, und ich schiebe dich und drücke dich und schiebe dich und so fällt die süße kleine Tissy schließlich zu Boden und reißt im Fallen die Kerzen mit sich, die jeden Tag so himmlischen Duft verbreiten.

Fortsetzung folgt.

Fünfzehntes Türchen

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Stefan Petermann: “Tissy”

Ich liege am Fußende des Betts. Nie holt sie mich hoch. Immer liege ich zu ihren Füßen. Tagsüber verschwinde ich unter einer schweren Decke und werde nachts getreten. Oft stößt sie mich aus dem Bett, wenn sie schlecht schläft und sich hin und her wirft. Ihre Füße stinken, wusstest du das, Tissy? Nein, natürlich nicht, kennst nur ihren honigsüßen Mund, ihre freundlichen Kinderaugen und das kleine Grübchen in ihrem Kinn und ihre Finger, die dich zärtlich streicheln. Du warst in Amerika und ich in diesem Zimmer. Morgens, wenn die Sonne aufgeht, scheint sie auf das Fußende des Betts. Ist dir das schon aufgefallen? Die Sonne knallt ins Zimmer und die Sonne knallt auf mich, bleicht meine Farbe, sodass ich bald so grau sein werde wie du, so grau, so entsetzlich pfützenschmutziggrau.

Fortsetzung folgt.

Dreizehntes Türchen

Montag, 13. Dezember 2010

Stefan Petermann: “Tissy”

Kennst du ein Mädchen, welches so oft so krank im Bett gelegen hat? Über Wochen krank in diesem Bett, sodass es ihren Lehrern schließlich gleich war, ob sie ihre Hausaufgaben machte oder nicht? Von Besuchen ganz zu schweigen? Ihr Kuss sagst du, ihr Freund sagst du, ihr soziales Leben? Schau ihn doch an, diesen Freund, dieses jämmerliche Beispiel eines Parasiten, der sich am Leid anderer berauscht, der ihre Sehnsucht nach irgendeiner Abart von Liebe zu seinen Gunsten nutzt. Ihr seid euch ähnlich, Tissy, du und ihr pfützenschmutziggrauer Freund, der sie nicht körperlich krank werden lässt, sondern, ach, ich hasse euch beide. Und so sollte sie auch fühlen. Doch entgegen jeder Vernunft hasst sie nicht.

Fortsetzung folgt.